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Aktuell"London nach Erfurt holen" Viel Streit beim Europäischen Sozialforum 2004: Wie geht es weiter?
Gespraech mit Christine Buchholz (Mitglied der Bundesleitung von Linksruck) Interview: Ruediger Goebel (jungeWelt) F: Das Europaeische Sozialforum (ESF) in London liegt fast zwei Wochen zurueck. Mit jedem Tag scheint die Kritik an dem Treffen zu wachsen. Wie bewerten Sie rueckblickend das globalisierungskritische Grossereignis? Das ESF war ein Erfolg. Die Stimmung im Kongresszentrum Alexandra Palace war sehr kaempferisch, radikal und ernsthaft. In mehr als 400 Veranstaltungen redeten die Teilnehmer ueber alles, was die Linke beschaeftigt - von Genfood ueber Arbeiterrechte bis zu Alternativen zum Kapitalismus. Aehnlich wie beim ESF in Florenz 2002 spielte der Irak eine zentrale Rolle. Wie beim ESF in Paris 2003 nahmen viele Gewerkschaften teil. Insgesamt ist das ESF nach links gerueckt, ohne die politische Breite inzubuessen. Dass "mit jedem Tag die Kritik zu wachsen scheint", liegt vor allem daran, dass viele Medien offenbar einen Knick in der Linse haben. Die Massenmedien haben nicht berichten, die linken, leider auch die junge Welt, haben sich vor allem auf interne Kritik beschraenkt. Das bildet nicht ab, was die meisten Teilnehmer dort erlebt haben. F: Das Plenum zum Irak-Krieg und der US-Besetzung musste nach tumultartigen Szenen abgebrochen werden. Der Protest hatte sich an der Einladung des Generalsekretaers der irakischen Gewerkschaft IFTU, Subhi Mashadani, entzuendet. Warum wurde ausgerechnet ein erklaerter Befuerworter der Besatzung und vehementer Gegner des Widerstands aufs Podium geholt? Ich war nicht in der Programmgruppe. Ich glaube, dass die Kraefte, die Mashadani vorgeschlagen haben, vor allem die Gewerkschaften, entweder seine problematische Rolle als Unterstuetzer des Allawi-Regimes im Irak unterschaetzt haben oder fuer die Besatzung sind. Das heisst: Es gibt Debattenbedarf. Ich halte es fuer eine falsche Entscheidung der internationalen Programmgruppe, Mashadani einzuladen. Die Veranstaltung zu sprengen, halte ich allerdings ebenfalls fuer falsch, vor allem weil auf dem Podium explizite und argumentationsstarke Gegner der Besatzung sassen. Die meisten Antikriegspodien und -redner in London waren gegen die Besatzung. Diese Veranstaltungen waren die, die am besten besucht waren. 3 000 diskutierten ueber Widerstand gegen den US-Imperialismus. George Galloway, der fuer seine Kritik an der Kriegspolitik von Blair aus der Labour-Partei geworfen wurde, bekam tosenden Applaus, als er sagte, dass es die Pflicht der Buerger der imperialistischen Staaten sei, die Besatzung zu beenden und nicht den Widerstand im Irak zu zerreden. F: Eine Kritik lautet, die Linksruck-Schwesterorganisation Socialist Workers Party (SWP) habe anstelle "militanter Gewerkschafter" fuer mehrere Podien handzahme "Gewerkschaftsbuerokraten" durchgedrueckt. Was ist an den Vorwuerfen dran? Nichts. Denn nicht die SWP hat die britischen Plenarredner bestimmt, sondern eine britische Programmkommission. Ich gehe aber davon aus, dass die Genossen von der SWP dafuer argumentiert haben, den Mainstream der Gewerkschaften mit auf die Podien zu holen, da er einen wichtigen Teil der Arbeiterbewegung repraesentiert. Damit schafft man ja auch die Gelegenheit, die Gewerkschaftsfuehrer zur Rede zu stellen. Darueber hinaus haben Genossen von der SWP mit anderen linken Gewerkschaftern aus Grossbritannien, Italien, Frankreich, Griechenland und Deutschland eine Veranstaltung ueber die Linke in den Gewerkschaften in Europa durchgefuehrt. Dort hat unter anderem eine Genossin gesprochen, die im letzten Jahr einen illegalen Streik der Postarbeiter mitorganisiert hat. Dort wurde uebrigens auch eine Solidaritaetserklaerung fuer die Opelarbeiter verabschiedet, die in Bochum gerade zu streiken begonnen hatten. F: Wie geht es mit den Sozialforen, insbesondere auch in Deutschland, weiter? Im Dezember wird es ein internationales Treffen geben, um das diesjaehrige ESF politisch zu bewerten und eine Bilanz des bisherigen Prozesses zu ziehen. Damit wollen wir eine Grundlage fuer die Zusammenarbeit in der Vorbereitung fuer das ESF in Athen 2006 legen. In Deutschland nimmt die Vorbereitung fuer das Sozialforum in Erfurt langsam Form an, das fuer Juli naechsten Jahres geplant ist. Ob das ein Erfolg wird oder nicht, wird vor allem davon abhaengen, ob es gelingt, genauso viele verschiedene Kraefte zusammenzubringen wie auf dem ESF in London. Und da muessen wir noch viel tun. Denn was das ESF angeht, ist der Kreis der Kraefte aus Deutschland, die an dem Vorbereitungsprozess beteiligt waren und mobilisiert haben, noch zu klein. Wir brauchen alle: soziale Bewegungen, Migrantenverbaende, Gewerkschaften, politische Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, Friedensbewegung und Palaestina-Solidaritaet - nur so koennen wir London nach Erfurt bringen. |
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