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Europäisches Sozialforum im teuren London

Ein Turm von Babel von Protestbewegungen

Das dritte Europäische Sozialforum ist am Sonntag in London mit einem Communiqué und einem Marsch gegen den Krieg beendet worden. Die britische Hauptstadt und Finanzmetropole war nicht sehr inspirierend für die Globalisierungsgegner.

Die dritte Auflage des Europäischen Sozialforums, eines Ablegers des jährlich im brasilianischen Porto Alegre stattfindenden Weltforums, hat vom Freitag bis zum Sonntag in London ihre widersprüchlichen und interessanten bis marginalen Anliegen ausgebreitet. Eine breite Palette von Globalisierungsgegnern, Antiamerikanern, Umweltschützern, Alternativen, Marxisten und Anarchisten sorgte für etwas Farbe unter dem Regen. Anders als in Florenz 2002 und Paris 2003 blieb die politische Resonanz und die Teilnehmerzahl aber sehr beschränkt, trotz einer enthusiastischen Begrüssung durch den Mayor von London, Ken Livingstone, und seiner finanziellen Unterstützung in der Höhe von einer Million Franken für Gratistransport und Unterkunft auf dem Boden des umstrittenen Millennium Dome.
Kleinster gemeinsamer Nenner

Anarchisten stürmten, wie es sich für sie gehört, am Samstagabend das Podium, auf dem Livingstone eine zweite Rede halten sollte. Sie warfen dem unbotmässigen Labour-Politiker vor, zur «Kriegs-Partei» zu gehören. Die Opposition gegen den Krieg im Irak und die «Besetzungsmächte» war das vorherrschende Thema des Forums, das am Sonntag mit einem Marsch der Kriegsgegner zum Trafalgar Square abgeschlossen wurde. Eine Schlussversammlung der rund zweitausend Organisationen rief zu einem europäischen «Aktionstag» am 19. März 2005 mit einer Grossdemonstration in Brüssel gegen «Krieg, Rassismus und das neoliberale Europa» und damit gegen die neue EU-Verfassung auf. Zwischen deutschen Umweltschützern, der britischen marxistischen Socialist Worker Party, den traditionellen britischen Gewerkschaften, französischen libertären Bürgerrechtsbewegungen und italienischen oder spanischen Neolinken sowie Pragmatikern konkreter Anliegen fehlte oft die gemeinsame Sprache, was fünfhundert ehrenamtliche Übersetzer nur ungenügend korrigieren konnten. Etwa 20 000 Teilnehmer waren angereist, sechzig Prozent aus Grossbritannien selbst. In Florenz und Paris waren es noch doppelt so viel gewesen.
Kaum interessierte Londoner

Der hohe Eintrittspreis von 60 Franken, Organisationsmängel und die ungastlichen Lebenskosten der Finanzmetropole London dämpften die Begeisterung etwas. Dazu kam, dass London, seine Medien und seine Einwohner die natürliche Gabe haben, solche universellen Ereignisse wegen des ohnehin reichen Angebots an jeglicher Art von Exzentrik zu relativieren oder zu übersehen.

Immerhin konnte man erfahren, dass Aleida Guevara, die Tochter des «Che», sich gegen die kommerzielle Ausbeutung des Namens ihres Vaters (zum Beispiel auf T-Shirts) wandte. Dass der Filmregisseur Ken Loach in Canary Wharf, wo die Polizei eine Demonstration zugunsten des Putzpersonals verbot, sich darüber aufregte, dass ein Bankier im postmodernen Quartier in einer Stunde so viel verdienen könne wie seine Putzfrau in einem Jahr, interessierte die Medien aber viel weniger als die Frage, ob Prinz Harry bei seiner Matur im Zeichnen geschummelt habe.

(aus: Neue Zürcher Zeitung)

 

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