Aktuell
Große Vielfalt, schwierige Einheit
Chaos, Kritik und Hoffnung: Gestern ging in der britischen Hauptstadt das Dritte Europäische Sozialforum zu Ende
(von Susanne Götze)
Für rund 20000 Menschen war London in den vergangenen vier Tagen Dreh- und Angelpunkt des alternativen Denkens. Globalisierungskritiker, Kriegsgegner und Umweltaktivisten diskutierten beim Dritten Europäischen Sozialforum unterschiedlichste Ideen. Doch die »Einheit in Vielfalt« gestaltete sich recht schwierig.
Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig!« Paolo Giliardi von der Schweizer Attac-Delegation sprach aus, was nicht nur die rund 200 Teilnehmer des Seminars über die Zukunft der sozialen Bewegungen bewegte, sondern all jene 20000 aus Europa und der Welt, die zum Europäischen Sozialforum (ESF) in Großbritanniens Hauptstadt London gekommen waren. Eine Stadt, die wie kaum eine andere in Europa als die »Höhle des Löwen« gilt, als Symbol für die Herrschaft des Kapitals und für die europäische Beteiligung am Irakkrieg. Eine Stadt, die gemischte Gefühle hervorruft: Westliche Werte wie Demokratie und Meinungsfreiheit einerseits, Kommerzialisierung, Krieg, Rassismus und soziale Polarisierung andererseits. Ein guter Ort also, um darüber zu diskutieren, wie ein anderes Europa in einer anderen Welt aussehen soll.
Doch das idyllische Zusammenwirken, wie es viele Teilnehmer vom letzten Sozialforum in Paris kannten, wollte sich nicht recht einstellen. Nachdem sich die meisten Teilnehmer im Laufe des Donnerstages vom Organisationschaos in Sachen Anmeldung und Unterkünfte gerade erholt hatten, kam es am Abend zum nächsten Eklat. Auf der offiziellen Eröffnungsveranstaltung in der Southwark Cathedral schlossen die Veranstalter kurz nach Veranstaltungsbeginn die heiligen Tore – und ließen über 300 Teilnehmer im Regen stehen. Diese ereiferten sich dermaßen, dass schlussendlich die Polizei anrücken musste. Darauf wiederum reagierte man wieder mit einer kleinen Kundgebung.
»In Florenz waren wir viele, aber in Paris waren wir zu leise, deshalb müssen wir in London wieder laut werden, denn ohne Aktion wird die Bewegung sterben«, rief ein Mann, der in seinen Händen einen Stapel des »Socialist Worker« umklammert hielt. Doch außer ein paar singenden Kataloniern zerstreuten sich die Ausgeschlossenen, hielt der Bürgermeister von London, Ken Livingstone, in der Kathedrale seine Willkommensansprache. Der als »Altlinker« bekannte Kriegsgegner erntete für seine Angriffe auf die Regierungen in Washington und London großen Applaus. Doch es sollte das letzte Mal sein, dass er seine Rede ungestört halten konnte.
Politischer Streit um Livingstones Spenden
Schon im Vorfeld des Londoner Sozialforums hatte es harte Auseinandersetzungen zwischen den Veranstaltern gegeben. Livingstone spendete dem Sozialforum 580000 Euro für die Logistik und Ausführung des Forums. Das sorgte bei einigen für Beifall. Dennoch gab es eine Reihe von linken Gruppen, die dem Bürgermeister und den Gewerkschaften vorwarfen, sich in den Vordergrund zu drängen und die Pluralität des Forums zu gefährden. So sollte angeblich die Verwendung der Livingstone-Spende an die Zustimmungspflicht des Bürgermeisters bei Entscheidungen des Forums gebunden seien. Gewerkschaften und Stadtverwaltung hätten sich das ESF »gekauft«, kritisierten vor allem linke Gruppen.
Der Graben war schließlich so tief geworden, dass die Kritiker verschiedene Gegenveranstaltungen organisierten – das »Beyond the ESF«. Die alternativen ESFler besetzten Häuser in der Londoner Innenstadt, eröffneten »Soziale Zentren« und stellten kostenlose Unterkünfte für Teilnehmer bereit. Das sorgte für einigen Beifall, schließlich waren die Teilnehmer-Preise beim Lodoner ESF recht hoch – trotz Livingstones Spende. So gab es beispielsweise keine Sozialtickets bei den öffentlichen Verkehrsmitteln für Arbeitslose und Studenten mehr. Auch die Unterbringung im Milleniumsdom, vom Bürgermeister für rund 6000 Schlafsacktouristen bereitgestellt und vom »Guardian« als die »größte Jugendherberge der Welt« bezeichnet, konnte viele Teilnehmer nicht zufrieden stimmen.
In erster Linie basierte die Kritik der linken Alternativszene aber auf der Angst vor einer Übernahme der Bewegung durch etablierte politische Kräfte wie Gewerkschaften und Parteien. Am Samstagabend wurde schließlich eine Veranstaltung über Rassismus und Rechtsextremismus, auf der Livingstone sprechen sollte, derart erfolgreich gestört, dass der umstrittene Bürgermeister seine Rede nicht halten konnte. Einige vermummte Jugendliche stürmten das Podium und riefen zu einer Demonstration auf, die sich dann in Richtung der sozialen Zentren der Stadt bewegte.
Gesprengte Podiumsveranstaltungen waren in London kein Einzelfall. Auf Grund der aktuellen Situation in Irak und der Politik des britischen Premierministers Tony Blair, stand das Thema im Mittelpunkt vieler emotionaler Diskussionen. Auf einer Veranstaltung am Freitagabend über »Das Ende der Besetzung im Irak«, an der bis zu 300 Menschen teilnahmen, entlud sich die Wut Vieler an dem angereisten Mitglied der irakischen Regierung Subhi Al Mashadani. Zwar hinderte die Mehrheit der Teilnehmer den Mann durch Pfiffe und Buhrufe zunächst am Sprechen, die meisten beruhigten sich aber schnell und gaben den Bitten der Veranstaltung nach, jeden zu Wort kommen zu lassen. Einige waren jedoch auch dazu nicht bereit – und so musste auch diese Veranstaltung abgebrochen werden. Die buhenden Männer, zum größten Teil arabischer Herkunft, verließen schließlich laut schreiend den Saal.
Immerhin wurde die Frage des Umgangs mit muslimischen Teilnehmern in London sehr viel offener diskutiert als beim Vorgänger-ESF in Paris. Während vor einem Jahr sogar noch über ein Teilnahme-Verbot für Muslime nachgedacht wurde, beschäftigten sich in London viele Seminare mit der Frage nach Toleranz und Zusammenarbeit. Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, Idol vieler muslimischer Jugendlicher in Europa, sprach sich für eine Integration der Muslime in die globalisierungskritische Bewegung aus. Die alternative Szene müsse in dieser Hinsicht noch viel dazulernen.
Die Bereitschaft zur Selbstkritik zeigte sich auch in unterschiedlichen Podien, die sich mit der Frage der Weiterentwicklung der Bewegung auseinander setzten. Vittorio Agnoletto, italienischer EU Parlamentarier, beklagte auf einem Freitagspodium das, was viele Teilnehmer auf dem ESF noch vermissten: Diskussionen über konkrete Widerstandsformen. Demonstrationen seien zwar wichtig – aber leider nicht ausreichend. So sei es an der Zeit, endlich über Maßnahmen gegen bestimmte Unternehmen zu sprechen, beispielsweise Sanktionen, schlug der ehemalige Sprecher des Sozialforums in Genua vor. Die PDS-Vizevorsitzende Katja Kipping sieht hingegen ein Problem in jenen Kräften der Bewegung, die zwar für eine Revolution werben würden, denen aber konkrete Ideen fehlten. »Ich habe das Gefühl, dass die Debatte ganz oft auf ein Ende des Kapitalismus reduziert wird«, so Kipping. Sie spielt damit auch auf Stimmen aus dem Publikum an, die eine Zusammenarbeit mit Parteien – wegen deren »reformistischen Zügen« und einer möglichen Instrumentalisierung – ablehnen.
Warten auf das nächste Sozialforum in Athen
Das Londoner Sozialforum hat einmal mehr bewiesen, wie heterogen die oft als monolithischer Block wahrgenommene soziale Bewegung tatsächlich ist. Und wie schnell das Bündnis der Vielfalt auch zerbrechen kann. Die Hoffnung auf einen möglichst breiten Schulterschluss haben viele dennoch nicht aufgegeben. Es wird sich zeigen, ob das nächste Sozialforum in Athen eine weitere Zerreißprobe für die Bewegung sein wird oder sich die Aktivisten im Angesicht der neoliberalen Offensive für ein engeres Zusammengehen entscheiden.
(aus: Neues Deutschland)
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