zur Startseite
zur Startseite
German Social Forum
|Aktuell |Termine |Links |Forum |Kontakt |Mailingliste |Suche: 
 
Schnell-Info

Aktuell

»Die islamische Hamas ist Teil der nationalen Befreiungsbewegung«

Linke in Israel sollen gegen die Besatzung der palästinensischen Gebiete kämpfen, statt über die Politik der Opfer zu urteilen. Ein Gespräch mit Sergio Yahni

(Interview: Wladek Flakin, junge Welt)

* Sergio Yahni arbeitet für die israelisch-palästinensische Nichtregierungsorganisation »Alternative Information Center« in Jerusalem und nimmt zur Zeit am Europäischen Sozialforum in Athen teil

F: Der neue israelische Premierminister Ehud Olmert hat versprochen, Israels Grenzen bis zum Jahr 2008 festzulegen und danach aus den palästinensischen Gebieten abzuziehen. Ist das das Ende der fast 40jährigen Besatzung?

Nein. Es ist der Versuch, einen legalen Rahmen für die Besatzung zu schaffen. Bisher steht die Besatzung im Widerspruch zum internationalen und selbst zum israelischen Recht. Diesen wollen sie mit einem noch größeren Widerspruch lösen: Sie wollen einen unabhängigen palästinensischen Staat ohne Souveranität über das eigene Territorium installieren. Israel wird seine Grenzen definieren und die Besatzung für beendet erklären. Die meisten Siedlungen in der Westbank - mit 80 Prozent der gesamten Siedlerbevölkerung - sollen dann Teil von Israel sein. Der sogenannte palästinensische Staat wird ein total zerstückeltes Territorium sein.

F: Das »Alternative Information Center« in Jerusalem, für das Sie arbeiten, ist eine israelisch-palästinensische Initiative. Welche weiteren Ansätze für gemeinsame Kämpfe gibt es?

Es gibt zum Beispiel die Frauenorganisation Bat'Shalom, die mit einer Partnerorganisation in Ramallah arbeitet, und die Ärzte für den Frieden, die mit Organisationen in den palästinensischen Territorien kooperieren. Die »Anarchisten gegen die Mauer« arbeiten mit den Volkswiderstandskomittees in den palästinensischen Dörfern zusammen. In Israel existieren außerdem kleine soziale und antikoloniale Bewegungen. Generell wird aber der Zusammenhang zwischen den sozialen Problemen und der Besatzung zu wenig gesehen. Eine ernsthafte Alternative für den Frieden ließe sich aus meiner Sicht durch die Verbindung der sozialen Bewegung mit antikolonialen Kämpfen ausarbeiten.

F. Wie kam es zu dem überraschende Sieg der Hamas bei den palästinensischen Wahlen?

Der Wahlsieg beruhte auf der Unfähigkeit der Fatah, die Opposition gegen Israel zu organisieren. Der von ihr unterstützte sogenannte Friedensprozeß hat die palästinensische Gesellschaft noch tiefer in Armut versinken lassen. Fatah plädierte dennoch für immer neue Zugeständnisse. Die Menschen haben Hamas als Anerkennung ihrer Leistungen im Widerstand gegen Israel gewählt. Man muß zur Kenntnis nehmen, daß die palästinensische Gesellschaft sehr starke demokratische Traditionen hat. Der Wahlsieg der Hamas bedeutet keineswegs einen radikalen Rutsch zum Islam. Es ist eine momentane Verschiebung.

F. Hat der Ausgang der Wahlen Ihre Arbeitsmöglichkeiten in den palästinensischen Gebieten verschlechtert?

Für die Arbeit vor Ort hat sich praktisch nichts geändert. Aber die israelische Regierung nutzt das Wahlergebnis, um die Unterdrückung der Palästinenser zu verschärfen. Ich selbst bin Gegner der Hamas. Ich bin gegen fast alle ihre Ideen, beginnend mit der Existenz von Gott. Aber ich stimme mit ihnen im Widerstand gegen die Besatzung überein. Hamas ist Teil der nationalen Befreiungsbewegung. Als Bürger des Besatzerstaates ist es meine Aufgabe, gegen die Besatzung zu kämpfen und nicht über die Politik der Opfer zu urteilen. Als Revolutionäre fordern wir Solidarität mit allen Opfern von Unterdrückung, und fragen nicht zuerst nach ihren politischen Visionen.

F: Sie nehmen zur Zeit am Europäischen Sozialforum in Athen teil. Welche Unterstützung erhoffen Sie sich von europäischen Aktivisten?

Europa ist für die aktuelle Situation mitverantwortlich, weil es eine unilaterale antipalästinensische Haltung einnimmt. Die EU-Staaten fordern Hamas auf, Israel anzuerkennen, aber Israel erkennt das Recht der Palästinenser auf Unabhängigkeit nicht an. Hamas wird aufgefordert, auf Gewalt zu verzichten, aber niemand fordert Israel auf, mit der Bombardierung des Gazastreifens aufzuhören. Europa finanziert die Besatzung. Von jedem Euro, der nach Palästina als Entwicklungshilfe geht, fließen bis zu 70 Cent - hier gibt es natürlich sehr unterschiedliche Schätzungen - an Israel zurück und finanzieren das Militär. Viele Palästinenser in den besetzten Gebieten hungern. Wir brauchen ein breiteres Bewußtsein für diese Situation und aktive Unterstützung in Europa.

 

« zurück zur Übersicht